Ein Tier verändert die Welt

Als der Wolf vor vielleicht 15.000 Jahren domestiziert und zum Hund wurde, hat er unserer Geschichte eine ganz neue Richtung gegeben. Als erstes Haustier leitete er die wohl größte Kulturrevolution aller Zeiten ein; gemeinsam eroberten Mensch und Hund die ganze Welt.  
                                                                                                                       
                                                                                                    Den Anfang machten, wie so häufig im kynologischen Bereich, die Engländer. In ihrer Wettleidenschaft züchteten sie Hunde, die Bullen angriffen und sich dabei so lange in deren Schnauze festbissen, bis entweder sie oder der Bulle tot waren. Wer auf den Sieger gesetzt hatte, gewann Geld; die ideale Volksbelustigung für die Krone, die viel Geld damit einnahm.
Bis die Tierschützer das grausame Spiel gesetzlich beenden konnten. So ging man zum Kampf Hund gegen Hund über. Das war die Geburt des Pitbulls, des Ringkämpfers.                                                                    Wenn auch in England Hundekämpfe inzwischen verboten wurden, wird der Hundekampf anderswo weiter betrieben; in Korea etwa völlig legal - man zeigt Hundekampf sogar im Fernsehen - oder illegal in den USA und in vielen europäischen Ländern, so sicher auch in Deutschland.                                                                                        

Die Zucht aggressiver Hunde

Jahrtausende blieb so die Beziehung zwischen Mensch und Hund weitgehend unkompliziert. Bis man begann, Hunde aggressiv zu züchten. Zwar hatte man immer den bedingt territorialen Hund als Wach- und Hütehund geschätzt, aber er in moderner Zeit begann man, systematisch auf Aggressivität zu züchten. Genetisch von anderen Hunden isoliert, wurden immer neue Rassen mit spezialisiertem Verhalten oder ausgefallenen Formen gezüchtet. Der einstige Mitlenker unserer Geschichte wurde von nun an immer mehr zum Spiegelbild seines Herren.
Dieses Spiegelbild unserer selbst ist jetzt ins Gerede gekommen. Doch als Produkt des Menschen ist nicht der Hund schuld, wenn gebellt, gebissen, sogar getötet wird, sondern seine Züchter, seine Ausbilder, seine Halter.
Aus dem einstigen "besten Freund des Menschen" ist in der Öffentlichkeit nun eine "Bestie" geworden, die wild und sinnlos um sich beißt. Vielfach haben in der Tat seine Menschen in absichtlich aggressiv gemacht. Noch häufiger aber haben sie keine Ahnung, warum ihr Hund auf einmal "böse" wird.
 Charakteristisch für die Aggressivität noch ursprünglicher "Kampfhunde" ist ihre Hemmungslosigkeit. Das vor allem unterscheidet sie von anderen Hunden oder gar vom Wolf. Sie greifen ohne Vorwarnung an und beißen sich so lange fest, bis ihr Opfer oder sie selbst tot sind. Motiviert wird es durch eine Kombination von hemmungsloser sozialer und territorialer Aggressivität, gekoppelt mit jagdlich motiviertem Zupacken und nicht mehr Loslassen. Züchterisch wird das hemmungslose Angreifen vor allem aber durch ein starkes Herabsetzen der Schmerzempfindlichkeit erreicht. Dadurch erfahren diese Hunde schon als kleine Welpen nicht den Schmerz und die Angst, die normalerweise zur Hemmung von Aggression und Angriff führt.                                                                                                    
Ohnehin auf erhöhte Aggressivität gezüchtet, und häufig auch noch zum Angriff um jeden Preis trainiert, treten solche Hunde ohne jede Hemmung in den Kampf. Besonders schlimm werden Hunde, die nicht nur angeboren aggressiv sind, sondern auch noch auf hemmungslose Aggression trainiert werden oder gar Medikamente bekommen, die auch den letzten Rest Schmerzempfinden und Angst unterdrücken. Für all diese Rassen gilt, dass man in der Regel für ihre Zuchtzulassung eine erfolgreiche Ausbildung als Schutzhund nachweisen muss. In der Tat, man glaubt es kaum, dass heute noch Hunde, deren Welpen später in Familien, abgegeben werden, erst einmal Menschen angreifen müssen, bevor man mit ihnen züchten darf. Sicher, in der Beißstatistik treten gut ausgebildete und gehaltene Schutzhunde kaum auf. Doch wie viele "Möchtegernstarke" sehen in solchen Hunden nicht ein Vorbild, ohne zugleich fähig zu sein, solch einen Hund zu halten. Wie viele gutmütige, nachlässige, überforderte, gestörte Menschen halten solche Hunde und kommen damit nicht klar. Das Ergebnis: beissende Hunde.
Wir machen den Hund zum Popanz, wahrlich zum Spiegelbild unserer eigenen Unfähigkeit, mit Aggression und Gewalt umzugehen.        
                                             
                                                              

                                                                                                                                                                                     

Textauszug aus: "Warum beissen Hunde" ein kritischer Beitrag zur Kampfhundediskussion von Dr. Erik Zimen
mit freundlicher Genehmigung
Quelle: Hunde Revue 10/2000


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