| Fruchtbares Land unter Wasser. Einige Minuten Motorbootfahrt von Manaus entfernt bietet sich ein faszinierendes Natur schauspiel. Das schwarze Wasser des Rio Negro stößt hier auf die milchkaffeefarbene Flut des Rio Solimões. In einem gewaltigen Bett vereint, wälzen sich die beiden Wassermassen träge nebeneinander her. Entlang der Grenzlinie bilden sich gelegentlich kleine Wirbel und Wolken. Erst etwa 30 Kilometer weiter östlich vermischen sich die beiden Flüsse allmählich zum eigentlichen Amazonas. Das Phänomen hat einen physikalischen Grund: Die unterschiedliche Dichte der beiden Flüssigkeitskörper macht, dass sie so lange getrennt bleiben. | ![]() Zentralamazonien Várzea |
Der Solimões führt eine reiche Fracht an winzigen Lehmpartikeln und ge- lösten Nährstoffen mit sich, Verwitterungs- produkte von den Abhängen der Anden, wo die meisten seiner Zuflüsse entspringen. "Weiß- wasser" nennt man solche schlam- migen Fluten. Das schwarze Wasser des Rio Negro dagegen stammt aus dem Guyana-Schild des Amazonasbeckens und enthält gelöste Huminsäuren aus den Böden der Terra firme, aber kaum Nährstoffe und keine Schwebteilchen. |
| Die unterschiedliche
Zusammensetzung der beiden Ströme hat ökologische Aus wirkungen auf die Regionen entlang
ihren Ufern, die sie überfluten, weil Wasser wegen des geringen Gefälles nur langsam
abfließt. Die Überschwemmungsgebiete von Schwarzwasserflüssen, Igapós genannt, werden
spärlich mit Nährstoffen versorgt. Im Igapó gedeihen zwar vielfältige Wälder und eine
reiche Fauna. Dieses Leben beruht aber auf spezifischen Anpassungsleistungen. Das fein
eingestellte Gleichgewicht reagiert empfindlich auf menschliche Eingriffe.Die
Überschwemmungsgebiete von Weißwasserflüssen hingegen, die sogenannten Várzeas,
sind dank der periodisch angeschwemmten Sedimente vergleichsweise fruchtbar, sodass sie von alters her genutzt werden. Und weil dasWasser mit voraussagbarer Regelmäßig- keit ansteigt und wieder abfällt, entwickelten die Menschen eine nahezu amphibische Lebensweise: Aussaat und Ernte während der trockenen Phase, Fischerei in der nassen. Wie produktiv die Várzeas sind, zeigt sich daran, dass die indianische Urbevölkerung diese Gebiete weitaus dichter besiedelte als die Terra-firme-Regionen. Auch heute stehen die Uferzonen der Weißwasserflüsse in puncto Bevölke- rungsdichte an der Spitze der ländlichen Gebiete Zentralamazoniens. Und das, obwohl es keine permanenten Straßenverbindungen gibt, kaum Schulen, ärztliche Versorgung und andere Infrastruktur, dafür reichlich Mücken. Allerdings ist das althergebrachte Wissen über die optimale Nutzung von Überschwem- mungsland weitgehend verloren gegangen. Die heutigen Várzea-Bewohner bauen oft Nutzpflanzen an, die zwar auf den städtischen Märkten begehrt sind, die sich aber für die Bedingungen der Überflutungsgebiete schlecht eignen. Viele halten Rinder oder Wasserbüffel und roden dafür Wald, denn die erhöht gelegenen Naturweiden reichen längst nicht mehr aus. Auch das selektive Einschlagen wertvoller Hölzer setzt dem Wald zu.
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Ursprünglicher tropischer Regenwald wächst schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts kaum noch in der Zona Bragantina, die weite Teile im Nordosten des Bundesstaates Pará umfasst. Hier wird seit über hundert Jahren Landwirtschaft betrieben, bis zum heutigen Tage überwiegend von Kleinbauern. Zwischen der Hafenstadt Belém, im südlichen Bereich des weitläufigen Ama-zonas-Mündungsgebietes gelegen, und der Küstenstadt Bragança wurde Ende des 19. Jahrhunderts eine Eisenbahnlinie gebaut, um die Region zu erschließen. |
![]() Die Bragantina, eine alte Kulturlandschaft |
| Hatten zuvor die Menschen vorwiegend entlang der Flussufer gelebt und die Produkte, die sie aus dem Wald, ihren Feldern und Gärten gewannen, über die Wasser- wege transportiert, so begannen sie jetzt auch die Flächen dazwischen zu nutzen. Die staatliche Ansiedlungspolitik lockte Zuwanderer aus den Dürregebieten im Nordosten Brasiliens und aus Europa an, die sich auf dem Lande eine bäuerliche Existenz aufbauten. Die Siedler führten im Laufe der Zeit neue Nutzpflanzen wie Malve oder Baumwolle ein,die eine intensivere Bewirtschaftung auf größeren Flächen erforderten. Stück für Stück verschwand so binnen weniger Jahrzehnte fast der gesamte Primärwald. Nur längs der Ufer von Bächen und Flüssen sind vereinzelte Reste stehengeblieben. Dazwischen erstrecken sich Felder, Weiden, Plantagen. Und "Capoeira". Das Wort bedeutet in der Tupi-Sprache "Wald, der war". So nennen die Einheimischen die Sekundärvegetation, die zu wuchern beginnt, sobald ein Feld nicht mehr gehackt und gejätet wird. |
Pantanal
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Bedrohte
Natur. Die Landschaft erinnert an eine afrikanische Savanne: Weite Flächen mit dürrem
Gras, unterbrochen nur von Flecken dichten Waldes und winzigen Erhebungen mit
turmförmigen Termitenbauten. In einer Senke glitzert ein Tümpel. Aus den Baumkronen
löst sich die Silhouette eines Tukans. Ein paar Nandus, straußenähnliche Laufvögel,
traben los, als ein Auto ihnen zu nahe kommt. Die Kühe heben nur den Kopf, glotzen und
kauen weiter. Es mag überraschend klingen: Die Szene spielt im größten Feuchtgebiet der
Erde, dem Pantanal. Zur Trockenzeit im Juli breitet sich hier karge Steppe aus, es
herrscht Wassermangel und manchmal brechen Brände aus. Wenn jedoch im Oktober der Regen
einsetzt, beginnt die all-jährliche Verwandlung der Landschaft: Langsam steigen die
Spiegel der Flüsse, Seen und Tümpel an, bis die ganze Ebene unter Wasser steht. Nur die
Häuser der Bauern, auf Warften angelegt, und die leicht erhöht stehenden Waldinseln
ragen daraus hervor. Explosionsartig gedeihen Was- serhyazinthen und Schwimmfarne. Eine
vielfältige Fischfauna "grast" jetzt, wo zuvor Rinder weideten. Bis im April
die Niederschläge nachlassen und die Sintflut allmählich weicht.
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