Resigniert schrieb 1949 der
Wildbiologe Aldo Leopold:
"Nur die Berge leben lange genug,
um das Geheul der Wölfe zu verstehen."
Vor allem diesem Heulen hat der Wolf es zu verdanken, daß er seit Urzeiten dem Menschen
unheimlich ist. Im Mittelalter galt das Heulen als Zeichen dafür, daß die
"blutrünstige Bestie" einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe. Hatte
schließlich doch schon Jesus in seiner Bergpredigt vor den "Wölfen im
Schafspelz" gewarnt und damit die falschen Propheten gemeint.
Und obwohl es bald 150 Jahre her ist, daß der letzte frei lebende Wolf in Deutschland
geschossen wurde, ist das Märchen vom bösen Wolf der Brüder Grimm immer noch präsent.,
wird der Mythos vom Erzfeind des Menschen bis heute kultiviert.
"Der Wolf verleiht dem Wald einen eigenen Reiz,
auch wenn er in den Augen der Bevölkerung eine Gefahr darstellt. Womöglich verlieren
unsere Wälder vollends den Heiligenschein früherer Urwälder, wenn das letze dieser
Raubtiere gefallen ist."
(B. Swietorzecki, Polen 1926)
Eigenschaften
- Organisierung
- Charakterisierung
- Rangordnung
- Kommunikation
- Angriffsstrategie
- Paarung
Körpersprache der Wölfe -
Rangordnung im Wolfsrudel -
Alphawölfe - Betawölfe
- Untergebene Wölfe - Omegawolf
Rangordnungskämpfe - Körpersprache der Wölfe - Der "böse Wolf"? - Wußten Sie? - CANIS LUPUS UND DIE ERBEN
Nachgeschlagen - Wolfskrankheiten - Rutensignale - Gesichtssignale
Unterarten von Canis lupus - WOLF in den Landessprachen
WÖLFE
Organisierung
des Rudels Trotz seiner Flinkheit und Stärke jagt ein Wolf selten allein. Da seine
Opfer gewöhnlich größer und schneller sind als er, braucht er Unterstützung, und zwei
oder mehr Wölfe schaffen meistens, was einem allein nicht gelingen würde. Die
Grundeinheit der Wolfsgesellschaft, das Rudel, ist eine der kompliziertesten und
hochentwickeltsten Formen sozialer Organisation im ganzen Tierreich. Eltern, Junge,
Großeltern, Onkel, Tanten, Nichten und Neffen - sie leben und wirken innerhalb eines klar
umrissenen Herrschaftsgebietes auf bemerkenswert freundliche und gut funktionierende Art
und Weise zusammen. Der Zoologe Gordon C. Haber hat Jahre damit verbracht, Wölfe und ihre
Beute im McKinley Park zu beobachten, und festgestellt, daß es dort drei Hauptrudel gibt.
Eines besteht aus etwa 10 Wölfen und beansprucht ein Gebiet von ungefähr 1300
Quadratkilometern. Ein anderes mit schätzungs weise 18 Mitgliedern lebt in einem Gebiet
von gut 2500 Quadratkilometern, und ein drittes mit 10 bis 15 Mitgliedern herrscht über
ein Gebiet von 1500 Quadratkilometern. Die Grenzen zwischen diesen Gebieten werden durch
Geruchsmarken abgesteckt - ein Grasbüschel, eine bloßgelegte Wurzel, ja selbst ein
Stein, auf die der Leitwolf und die Leitwölfin uriniert haben.
Charakterisierung
und Verhalten Man hat den Wolf mit vielen Namen belegt - ihn beispielsweise als
mutwilligen Killer bezeichnet -, allmählich jedoch kristallisiert sich aufgrund von
Untersuchungen seines Verhaltens in der freien Wildbahn ein neues, zutreffenderes Bild von
seinem wahren Wesen heraus. Haber und andere Forscher, die die Möglichkeit gehabt haben,
Wölfe aus der Nähe zu beobachten, charakterisieren ihn als äußerst freundliches
Raubtier. Einer der ersten, der das herausgefunden hat, war Adolph Mune, dessen Buch The
Wolves of Mount McKinley 1944 erschien. Es ist ein Klassiker auf dem Gebiet der
Naturgeschichte. Er hat ein Wolfsrudel über einen längeren Zeitraum hinweg in seinem Bau
beobachtet, der übrigens ein vergrößerter Fuchsbau war, und schnell gelernt, einzelne
Mitglieder an der Verschiedenartigkeit ihrer Färbung und Zeichnung, an der Größe, dem
Körperbau und der Persönlichkeit zu unterscheiden. Auf der Grundlage dieser Merkmale gab
er einigen Namen. Einen großen Rüden mit schwarzen Flecken um die Augen nannte er Robber
Mask (Räubermaske). Ein anderer mit ,,einer langen, silbrigen Mähne und einem auf dem
Rücken und teilweise auch an den Seiten dunkleren Fell" wurde Dandy getauft. Dandy
legte großen Wert darauf, von den anderen respektiert zu werden; wenn er zur Jagd
davontrabte, ,,wedelte er keck mit dem Schwanz, und in seinem Gang lag etwas
Ausgelassenes". In Aussehen und Temperament ganz das Gegenteil von Dandy war Grandpa
(Großpapa). Er schien sehr alt zu sein, schleppte sich steifbeinig herum und hinkte
manchmal sogar. Das Rudel kam gut miteinander aus, jeder war eifrig um die Jungen bemüht,
die eine der beiden Wölfinnen zur Welt gebracht hatte. Die kinderlose Wölfin verhielt
sich oft so, als gehörten die Jungen ihr; sie spielte mit ihnen und paßte auf sie auf.
Das Leben des Rudels spielte sich ganz geregelt ab. Am Spätnachmittag oder frühen Abend
versammelten sich die erwachsenen Tiere, bevor sie auf die Jagd gingen; dabei wedelten sie
stets heftig mit dem Schwanz und hüpften vor Freude, als wären sie glücklich, sich
wiederzusehen. Dann zogen die drei Rüden im allgemeinen gemeinsam los, manchmal von einer
der beiden Wölfinnen begleitet, und kamen erst am nächsten Tag wieder zurück. Im Winter
ziehen die Wölfe im Gänsemarsch durch den Schnee und treten in die Fußstapfen des
Anführers. Haber hat herausgefunden, daß sie gewöhnlich auf hohen Bergkämmen
entlangziehen, weil sie von da aus leichter ein Opfer ausmachen und weil sie dort besser
laufen können, da der Wind den Schnee zum größten Teil weggeblasen hat. Im Sommer
entfernen sie sich manchmal 30 Kilometer weit von ihrem Bau und brauchen dann für die 60
Kilometer lange Strecke hin und zurück zwischen 8 und 10 Stunden. Die Sommerbehausung der
Wölfe besteht aus weit mehr als nur dem Bau, der in seiner Grundform ein großes Loch in
der Erde ist. Ein Baubereich, wie Haber ihn beschreibt, liegt an einem gut entwässerten
und nach Süden zu gelegenen Abhang oberhalb eines Flusses, umgeben von Gräsern, Fichten
und Weiden. Von hier aus haben die Wölfe einen guten Überblick über die Gegend. Von
Anfang Mai bis Mitte Sommer verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit in einem etwa einen
bis anderthalb Hektar großen Ruhe- und Spielgelände, das in der Nähe des Baues in einem
Wald gelegen ist. Das ganze Gelände ist durchzogen von einem Netz von Pfaden, die die
Wölfe angelegt haben, und neben den Pfaden liegen die Knochen von Elchen, Dall-Schafen
und Karibus, die sie auf ihren täglichen Jagdzügen getötet und Stück für Stück in
ihren Baubereich geschleppt haben. Im Wald befinden sich auch die ,,Betten" der
Wölfe, unter Fichten angelegt, so daß die Ruhenden den Fluß überblicken und jeden
Eindringling rechtzeitig wahrnehmen können, der sich ihrem Gebiet aus jener Richtung
nähern sollte. Der Bau selbst enthält zwei Nestkammern; in ihnen kommen die Jungen zur
Welt und verbringen dort die ersten zwei oder drei Wochen ihres Lebens. Die Kammern sind
mit dem weichen Unterhaar aus dem Fell der Mutter ausgelegt. Einige Stacheln von
Stachelschweinen liegen herum, die den Bau während der Abwesenheit der Wölfe im Winter
bewohnt haben. Ansonsten ist er sauber - dafür sorgt die Mutter, die alle
Verunreinigungen, Überreste von Opfern und Kot, beseitigt. Wenn die Jungen alt genug
sind, um mit den Erwachsenen zu laufen, verläßt das ganze Rudel das Baugebiet und zieht
zu einem Begegnungsplatz, einer Art Kindergarten und Spielzone, wo die Jungen mit einem
Babysitter zurückbleiben, wenn die übrigen Rudelmitglieder auf die Jagd gehen. Meistens
bringen sie den Jungen und dem Babysitter Fleisch mit, und zwar in ihrem großen Magen.
Die Jungen brauchen den Heimkehrenden gewöhnlich dann nur am Maul herumzuknabbern und
-zubeißen, damit sie es für sie herauswürgen. Jedesmal, wenn Haber eine Heimkehr
beobachtete, war er von der Zuneigung fasziniert, die die Wölfe füreinander empfinden.
Er schreibt: ,,Das Futter spielte zunächst einmal überhaupt keine Rolle, denn alle
Rudelmitglieder waren vollauf damit beschäftigt, ihre Nasen aneinanderzureiben, sich das
Gesicht zu belecken, sich gegenseitig zu umarmen, sich zu balgen, zu winseln, zu schreien
- eben allgemein Verspieltheit und Zärtlichkeit zu zeigen."
Rangordnung
Starke emotionale Bindungen der Wölfe zu den Mitgliedern ihres Rudels sind für ihr
Überleben sehr wichtig. Noch wichtiger für Harmonie und Funktionsfähigkeit ist die
strenge Organisation des Rudels. Jedes Mitglied hat seinen Platz in dieser sozialen
Ordnung, die von einem großen, selbstbewußten Rüden angeführt wird. In vielen
wichtigen Angelegenheiten wird er von dem in der Rangfolge zweithöchsten Rüden
unterstützt - beispielsweise wenn es darum geht, einen Pfad durch den Schnee zu treten.
Das ganze Rudel bildet eine Hierarchie, und über die Rangordnung gibt es kaum einen
Zweifel. Der Rudelführer beherrscht alle anderen, physisch und psychisch, jede seiner
Stimmungen färbt auf die Stimmung der anderen ab - und er allein vereinigt sich mit der
ranghöchsten Wölfin. Jedes Rudelmitglied kann von denen, die in der Rangfolge unter ihm
stehen, Unterwürfigkeit verlangen, zum Beispiel daß sie sich vor ihm am Boden
zusammenducken, und tut es auch. Dabei wird allerdings selten nackte Gewalt angewendet;
Haber hat in mehr als 1000 Stunden, die er mit der Beobachtung der Wölfe im McKinley Park
zugebracht hat, nicht ein einziges Mal einen Kampf auf Leben und Tod zwischen Angehörigen
eines Rudels erlebt. Gelegentlich wird die Autorität eines Rudelführers von den
Mitgliedern des Rudels in Frage gestellt, allerdings nur dann, wenn seine Effektivität
als Führer infolge seines Alters oder einer dauerhaften Verletzung nachgelassen hat. Wenn
er jedoch aggressiv bleibt und die Umstände ihn begünstigen, dann kann er seine
Autorität erfolgreich wahren. Haber nennt drei Voraussetzungen, unter denen es einem
Rudelführer gelingt, seinen Rang zu verteidigen: Er muß zur Zeit der Verletzung im
besten Rüdenalter sein, die Verletzung muß schnell heilen, und sie darf nicht in eine
kritische Zeit im Leben des Rudels fallen, also beispielsweise nicht in die Ranzzeit, in
der es schon eher einmal zu einer Herausforderung kommt.
Kommunikation
Wölfe haben viele Möglichkeiten, sich durch ihr Sozialverhalten auszudrücken. Ihr
Schwanz ist eine Art optischer Telegraph. Hoch erhoben, signalisiert er Herrschaft,
gesenkt Unterwürfigkeit - und der rangniederste Wolf trägt ihn trübselig zwischen den
Beinen. Zur Freundlichkeit gehört wie bei Hunden das Schwanzwedeln, Aggressivität wird
durch schnelles Hin- und Herzucken des ganzen Schwanzes oder der Schwanzspitze zum
Ausdruck gebracht. Ein Stimmungsbarometer ist auch das ausdrucksstarke Gesicht des Wolfes.
Wenn er herausgefordert wird, zeigt er seine Überlegenheit, indem er die Zähne fletscht,
die Stirn in Falten zieht und die Ohren aufrecht und nach vorn stellt. Ein Wolf, der auf
diese Zeichen von Aggression seine friedlichen Absichten zum Ausdruck bringen will, hält
das Maul geschlossen, läßt die Stirn glatt und legt die Ohren zurück. Manchmal braucht
ein überlegener Wolf nur den Unterlegenen intensiv anzustarren, damit dieser vor
Unterwürfigkeit vergeht. Wölfe kommunizieren auch vokal. Natürlich heulen sie, doch
daneben winseln, knurren und bellen sie auch. Wenn erwachsene Wölfe im Beisein von Jungen
winseln, so scheinen sie damit Besorgnis auszudrücken; gleichzeitig dient das Winseln
aber auch als freundliche Begrüßung unter Erwachsenen. Knurren bedeutet genau das
Gegenteil. Mit dem Bellen wird wiederum Aggressivität ausgedrückt, zugleich wird es aber
auch eingesetzt, um das Rudel vor Gefahren zu warnen. Das Heulen dient offenbar dazu, das
Rudel nach der Jagd zu vereinigen. Es kann auch den Anspruch eines Rudels auf ein
bestimmtes Territorium ausdrücken und ein anderes Rudel davon abhalten, dieses
Territorium zu durchqueren. Ein Wolfsrudel kann zu jeder Zeit heulen - in der Nacht und
über den Tag. Das Heulen kann man in allen Monaten des Jahres hören. Aber in den Monaten
Mai und Juni nimmt seine Häufigkeit bedeutend ab. wahrscheinlich, um den Ort ihrer Höhle
mit ihren Jungen geheimzuhalten. Diese Beobachtungen wurden auch im Tierpark Berlin
gemacht. Welpen versuchen winselnd mitzuheulen. Bevor ein gemeinsames Geheul angestimmt
wird, wedeln die Mitglieder eines Rudels mit dem Schwanz und winseln. Dann streckt ein
Mitglied die Schnauze in die Höhe und beginnt zu heulen. Das dumpfe, klagende Jammern,
das aus seiner Kehle dringt, ist einer der rührendsten und schönsten Ur-Laute, den es
gibt - der echte Ruf der Wildnis. Der Heulton kann von einer bis zu 10 oder 15 Sekunden
dauern. Dann fällt ein zweites Rudelmitglied ein, dann ein drittes - bis das ganze Rudel
heult.
Lois Crisler, die Autorin des Buches Arctic Wild, hat zwei Würfe von Wolfsjungen
aufgezogen, als sie in der Brooks Range lebte. Sie hatte nicht nur Gelegenheit, dem Heulen
der Wölfe zu lauschen, sondern brachte es sich auch selbst bei. An einer Stelle
beschreibt sie, wie eine Wölfin ein Geheul anstimmte: ,,Manchmal wehklagte sie, wobei sie
die Zunge wie den Zug einer Posaune im Maul auf und ab bewegte. Bei einem langen Ton hielt
sie die Zungenspitze aufgerollt gegen den Gaumen gedrückt. Sie formte die Töne mit den
Lefzen, die sie einzog, um einen hornartigen Klang zu erzeugen. Wölfe vermeiden den
einstimmigen Gesang, sie lieben Akkorde."
Angriffsstrategie
Ist er allerdings der Jäger, und nicht das Opfer, dann benimmt er sich erstaunlich
kaltblütig und intelligent. Haben die Wölfe auf der Jagd ihr Opfer entdeckt, geraten sie
in Erregung, bringen es zunächst jedoch fertig, sich zurückzuhalten. Sie nähern sich
der Beute intensiv geradeaus starrend. Ihr Schwanz zuckt heftig hin und her. Wenn sie ihr
nahe genug sind, um einen Angriff zu unternehmen, bleiben sie stehen und betrachten das
Opfer einige Sekunden lang eingehend, ehe sie sich bellend und heulend auf es stürzen.
Rennt das Opfer weg, jagen sie es; sobald sie jedoch merken, daß sie nicht mithalten
können - was oft schon nach wenigen hundert Metern der Fall ist -, geben sie auf.
Behauptet sich ein Opfer, zum Beispiel ein Elch, sehen die Wölfe es sich aufmerksam an,
um herauszufinden, ob es irgendwelche Schwächen zeigt, die es zu einem weniger gewaltigen
Gegner machen. Sie spüren selbst die geringfügigsten Leiden und Verletzungen und achten
besonders darauf, ob das Opfer den Kopf stärker senkt als normal oder ob die Reflexe
langsamer sind. Häufig genügen wenige Minuten, um ihnen zu sagen, ob sie angreifen
sollen oder nicht. Nur wenn sie absolut sicher sind, daß sie ihr Opfer auch
überwältigen können, umzingeln sie es. Die Art des Angriffs richtet sich ganz nach dem
Opfer. Kleineren Tieren, Karibus oder auch Dall-Schafen, springen sie an das Hinterteil,
den Bauch oder die Kehle - an jeden verletzlichen Körperteil - und werfen sie um. Bei
Elchen müssen sie vorsichtiger und geschickter vorgehen. Ein Elch ist groß und stark.
Obgleich er den Wölfen davonlaufen könnte, bleibt er meistens stehen. Wenn er wütend
ist, kann er seine Angreifer drei bis vier Meter hoch in die Luft schleudern. Diesem
eindrucksvollen Widersacher gegenüber besteht die Technik der Wölfe im allgemeinen
darin, sich an die Hinterbeine und an die Nase heranzumachen, wobei sie sorgfältig darauf
achten, den flinken, tödlichen Vorderhufen auszuweichen. Da sie genau wissen, daß ein
verwundetes Opfer noch gefährlicher sein kann, töten sie es erst dann, wenn es durch den
Blutverlust geschwächt ist. Trotz ihrer scheinbaren Geschicklichkeit haben sie eine
erstaunlich niedrige Erfolgsquote beim Jagen. Haber registrierte im Laufe von 64 Tagen,
die er im Winter 1970/71 mit der Beobachtung von Wölfen verbracht hat, alle Aktivitäten
- Jagen und Aasfressen - eines aus 13 Mitgliedern bestehenden Rudels im McKinley Park. Sie
fraßen 16 Kadaver verschiedener Tiere, die wegen der in jener Periode herrschenden Kälte
verendet waren. Von 113 Elchen, die sie trafen und testeten, überwältigten sie lediglich
10. Sie hetzten zwar 224 Dall-Schafe, fingen aber nur 13, und verfolgten 26 Karibus, von
denen sie nur eines töteten. ,,Die Tiere, die die Wölfe rissen, waren aus irgendeinem
Grund nicht auf der Höhe", berichtet Haber. ,,Obgleich man nur schwer etwas über
den Zustand derjenigen sagen kann, die entkamen, darf man wohl annehmen, daß sie im
allgemeinen die gesündesten waren."
Paarung
Ihre Populationszahlen mit den verfügbaren Nahrungsreserven in Einklang zu bringen
ist für das Überleben der Wölfe eine überaus wichtige Sache. Die Natur hat da offenbar
eine Reihe von Kontrollmechanismen eingerichtet. Dazu gehören einmal die Abgrenzungen
zwischen den einzelnen Rudeln - Abgrenzungen, die die Wölfe respektieren -, welche dazu
beitragen, die Zahl der Wölfe in jedem einzelnen Territorium zu jeder Zeit zu begrenzen.
Darüber hinaus schränken die Wölfe die Paarung ein; sie ist fast immer das Vorrecht des
ranghöchsten Rüden und des ranghöchsten Weibchens. Beide beeinflussen das Verhalten der
anderen Rudelmitglieder; der Rüde überwacht die unter ihm stehenden Rüden, das Weibchen
die unter ihm stehenden Weibchen. Aber die Paarungszeit kann auch Probleme aufwerfen. In
einem Rudel, dem Haber Ende Februar und in der ersten Märzhälfte folgte, also in der
Ranzzeit der Wölfe, bemühten sich der Rudelführer und der in der Rangfolge
zweithöchste Rüde um das ranghöchste Weibchen. Das Weibchen schien den zweithöchsten
Rüden zu bevorzugen und hatte nichts gegen seine wiederholten Annäherungsversuche. Aber
der Rudelführer vereitelte die Paarung der beiden. Mit ,,unmißverständlichem, doch
durchaus nicht feindseligem Dominanzgebaren", wie Haber es beschreibt, schaffte er
es, seinen Konkurrenten in einem beinahe konstanten Zustand der Unterwürfigkeit zu halten
und so das Weibchen für sich zu gewinnen. Von dem Augenblick an gab es keinen Ärger
mehr. Im Gegenteil, nachdem das Paar sich vereinigt hatte, spielte der unerhörte
Liebhaber die Rolle des ,,stellvertretenden Gatten", wie Haber es nennt, war zu dem
Weibchen besonders aufmerksam, bevor die Jungen geboren wurden, und half später, sie zu
versorgen, als wäre er selbst der Vater. Haber ist der Meinung, daß es neben der
eingeschränkten Paarung und den territorialen Faktoren noch andere Dinge gibt, die bei
der Bevölkerungskontrolle eine Rolle spielen. Er hat herausgefunden, daß die Rudel seit
der Zeit, als Murie damit begann, ihr Verhalten zu studieren, also seit 30 Jahren, mehr
oder weniger dieselben Gebiete bewohnen, daß sich die Zahl ihrer Mitglieder kaum
geändert hat und daß auch die Zahl der Beutetiere bemerkenswert konstant geblieben ist.
Die Rudel bewohnen sogar noch viele der alten Baue und Pfade aus jener Zeit. Haber hat
allerdings auch festgestellt, daß die Population innerhalb gewisser Grenzen schwanken
kann. Wenn die Zahl der verfügbaren Beutetiere - also derjenigen Tiere, die die Wölfe
leicht und sicher töten können - erhöht ist, steigt auch die Zahl der Wölfe leicht an.
Vermindert sich die Zahl der Beutetiere, sinkt auch die der Wölfe - und das ist durchaus
kein Zufall. In harten Zeiten, wenn ein Wolfsrudel zu seinem eigenen Nachteil zu groß
geworden ist, scheinen sich die Bande zwischen den ranghöheren und den rangniederen
Rudelmitgliedern zu lockern. Ranghöhere Wölfe kümmern sich weniger um die schwächeren
- oft jüngeren - Rudelmitglieder, die im Rang unter ihnen stehen. Können diese in einem
strengen Winter mit dem Rudel nicht mehr Schritt halten, werden sie einfach
zurückgelassen und dem sicheren Tod ausgeliefert. In Zeiten jedoch, in denen mehr Nahrung
vorhanden ist, als ein Rudel verbrauchen kann, kümmern sich die ranghohen Rudelmitglieder
eher um die schwächeren, was deren Überlebenschancen erhöht. ,,Das läßt
vermuten", schreibt Haber, ,,daß eine Artdynamisches Gleichgewicht erreicht wurde,
daß also die Wölfe und ihre Opfer sich stillschweigend aneinander angepaßt haben."
Wölfe leben in einem komplexen Familienverband, in
dem jedes Mitglied seine bestimmten Aufgaben hat und in dem es eine Hirarchie oder
Rangfolge gibt. Verhaltensforscher haben den verschiedenen Rängen einprägsame Namen
gegeben. Der alte Begriff "Leitwolf" ist z.B. durch "Alphawolf"
ersetzt worden. Auch für die anderen Ränge wurden Bezeichnungen wie
"Betawolf", "unterwürfiger oder untergebener Wolf" usw. vergeben.
Die Anführer eines Rudels sind das Alpha-Männchen
und Alpha-Weibchen, die man an ihrem hochgestellten Schwanz erkennen kann. Als Eltern der
meisten Angehörigen des Rudels übernehmen sie naturgemäß die Führung. Die Autorität
wird fortwährend mit Erziehungsmaßnahmen gegenüber den Abkömmlingen unterstrichen.
Alpha-Wölfe sind normalerweise voll ausgewachsen und halten ihre Führungsposition bis zu
acht Jahre. Das Alpha-Männchen zieht dem Rudel voraus und bestimmt die Marschrichtung.
Das Alpha-Weibchen hält sich dabei in seiner Nähe.
Dicht hinter dem Alpha-Paar in der Hierarchie steht
der Beta-Rüde, der auch eine wichtige Position innehat. In den meisten Rudeln ist der
Alpha-Rüde der Vater des Rudels. Es kann aber vorkommen, daß er nicht an der
Fortpflanzung beteiligt ist, dann verbindet sich der Beta-Rüde mit dem Alpha-Weibchen.
Trotzdem bleibt der Alpha-Rüde der Dominante. Er leitet die Aktivitäten des ganzen
Rudels an, auch wenn er nicht der Vater der Jungen ist.
Normalerweise jüngere Wölfe, manchmal aber auch
ehemalige Alpha-Wölfe, die ihre Führungsposition verloren haben. Diese im Rang niedriger
stehenden Wölfe spielen eine wichtige Rolle bei der Aufzucht und dem Füttern der Welpen.
Im Umfeld der Höhle sind sie von den wirklichen Eltern nur schwer zu unterscheiden. Die
Anzahl der überlebenden Welpen hängt oft allein von der zusätzlichen Fürsorge der
untergebenen Wölfe ab.
Bei einem größeren Rudel wird oft ein Wolf untersten Ranges zur Zielscheibe der angestauten Aggressionen. Von Verhaltensforschern Omega-Wolf genannt, scheint dieser Wolf eine Art "Sündenbockfunktion" einzunehmen. Manchmal wird er wie ein Aussätziger behandelt. Dieses Verhalten dient auch der besseren regionalen Verteilung der Wölfe. Häufig versucht der ausgestoßene Wolf nämlich, um der Mißhandlung am unteren Ende der Rangordnung zu entgehen, ein neues Rudel zu gründen. Ein solcher Sündenbock ist an dem glatt gelegten Fell, seinen angelegten Ohren, und dem tief zwischen den Läufen eingezogenen Schwanz zu erkennen.
![]() |
Rutensignale
des Wolfs:
|
Es ist nun allerdings keineswegs so, daß alle
Rudelmitglieder dem Alpha-Paar "sklavisch untergeben" sind. Jedes Rudelmitglied
hat natürlich seinen eigenen Willen. Nach neuesten Erkenntnissen soll es auch beim
Fressen keine hirarchische Rangordnung geben. Im gemeinsamen Spiel unter den
Rudelmitgliedern erlaubten die Alpha-Tiere auch schon mal eine "Mißachtung" der
bestehenden Rangordnung und auch die jüngeren Tiere dürfen manchmal ein wenig
"über die Strenge schlagen". Für Rüden und Weibchen exisitieren zwei
getrennte Rangordnungen im Rudel. Normalerweise kämpfen auch nur Weibchen mit Weibchen
und Rüden mit Rüden um die Rangordnung miteinander.
Hin und wieder kann es auch zu Kämpfen um die Rangfolge im Rudel kommen. Jüngere Tiere können versuchen, die bestehenden "Machtverhältnisse" zu ihren Gunsten zu verändern. Wölfe versuchen, ernsthaften Beißereien aus dem Weg zu gehen und so spielen sich die Machtkämpfe normalerweise durch Droh- und Unterlegenheitsgesten ab. Häufig gibt das schwächere Tier schon vor einem ernsthaften Kampf nach, legt sich auf den Boden und bietet dem Sieger die Kehle dar. Beim Sieger wirkt jetzt eine Aggressionshemmung. Mit der Unterwerfung des Verlierers ist der Machtkampf beendet.
![]() |
Gesichtssignale
des Wolfs:
|
Manchmal kommt es aber doch zu ernsthaften Auseinandersetzungen und Beißereien zwischen den Rudelmitgliedern. Wenn beide Tiere nicht nachgeben wollen, kann es zu ernsthaften und blutigen Kämpfen kommen. Normalerweise merkt aber auch hier ein Tier rechtzeitig, wenn es unterlegen ist, und beschwichtigt denn den stärkeren Gegner mit Unterwürfigskeitsgesten. Zu Kämpfen mit tödlichem Ausgang kommt es extrem selten.
Die sichtbaren Kommunikationssignale der Wölfe basieren hauptsächlich auf Körpersprache. Wie der Mensch und der Hund, bringen auch Wölfe ihre Gefühle durch verschiedene Gesichtsausdrücke zum Ausdruck. Deswegen spielen die Gesichtsmerkmale in der Kommunikation der Wölfe eine große Rolle. Menschen lachen, wenn sie glücklich sind, und Hunde setzen manchmal ein "Glücksgesicht" auf. Der frohe Gesichtausdruck der Wölfe oder Hunde besteht aus einem offenen Maul, heraushängender Zunge und nach vorne gerichteten Ohren. Die Gemütszustände, die ein Wolf durch Körpersprache ausdrücken kann, sind Mißtrauen, Drohen, Angst und Unterwürfigkeit. Die Drohgebärden unterscheiden sich erheblich von den freundlichen Gesten. Das drohende Tier - ob Hund oder Wolf - rümpft die Nase, öffnet das Maul, bleckt die Zähne und richtet die Ohren voll auf. Dies wird mit einem Knurren und Fauchen unterstrichen. Der bedrohte und verängstigte Hund oder Wolf setzt dagegen ein grundverschiedenes Gesicht auf. Das Maul bleibt geschlossen, er legt die Ohren an und heult. Ein sehr häufiger Gesichtsausdruck des Alpha-Wolfs ist der Starrblick. Der Starrblick dient dem Alpha-Wolf zur Kontrolle der unteren Ränge. Ein Alpha-Wolf braucht einen Wolf unteren Ranges bloß mahnend anstarren; der andere Wolf wird sich sogleich geduckt davonschleichen.
![]() |
Verhaltenmatrix 1 Kontaktaufnahme; Das Fellriechen |
Wolf und Hund kommunizieren auch durch bestimmte Körper- und Schwanzstellungen. Ein drohender Wolf zum Beispiel knurrt nicht nur und bleckt seine Zähne. Er versteift auch seine Schultern, stellt seinen Schwanz hoch und bläht sich regelrecht auf um größer zu wirken. Umgekehrt verzieht der bedrohte Wolf sein Maul zu einem defensiven Grinsen, duckt sich, zieht seinen Schwanz ein und kauert sich auf dem Boden, um kleiner zu erscheinen.
Wir können sechs verschiedene Lautäußerungen des Wolfes unterscheiden: Winseln, Wuff-, Knurr-, Schrei- und Heullaute, sowie Geräusche, die nicht mit den Stimmbändern und der Mundhöhle, sondern mit Hilfe anderer Körperteile zustande kommen. Innerhalb der einzelnen Lautäußerungsformen gibt es viele Abstufungen, vielfältige Variationen, viele fließende Übergänge und Mischlaute. Die volle Bedeutung der Lautäußerungen kann nur im Zusammenhang mit dem gesamten Verhalten der Wölfe gedeutet werden.
Das Winseln ist eine sehr variable Lautäußerung, die Töne sind meist recht leise und hell. Sie bringen Unruhe, Unzufriedenheit oder leichte Erregung zum Ausdruck. Aber auch bei Aufforderungen, etwa im sexuellen Bereich sind dann zu vernehmen. In der Vorranz winselt die Wölfin bei der Aufforderung der Rüden. In der Hochranz ist es dann der Rüde der winselt, wenn er vom Weibchen wieder etwas will. Welpen winseln, wenn sie frieren, hungrig oder allein sind, ältere Wölfe, wenn sie zu den Welpen gehen, um sie aus der Höhle oder um sie aus einem Versteck hervorzulocken, oder wenn sie ihnen Futter vorlegen wollen. Die älteren Wölfe winseln in einer Vielzahl sozialer Situationen; es ist bei weitem die häufigste Lautäußerung überhaupt. Vorallem sind es die jüngeren und rangniedrigeren Wölfe, die bei Einzelbegegnungen mit Älteren und Ranghöheren, aber auch bei den für die Wölfe so typischen Gruppenzeremonien aufgeregt winseln. Sie winseln auch bei allen Formen der Aufforderung, etwa wenn sie einen anderen Wolf zum Aufstehen zu bringen suchen.
Das (einsiblige) Wuffen ist ein Warnlaut. Es lenkt die Aufmerksamkeit des ganzen Rudels auf eine mögliche Gefahr und führt, je nach Situation, zur Flucht der Welpen oder gar des ganzen Rudels. Bei geringer Intensität geht dem Wuffen häufig ein Laut voraus, der durch ruckartiges Ausblasen von Luft durch die Nasenlöcher entsteht. Bei höherer Intensität kann das Wuffen auch mehrsilbig zu einem ersten Ansatz von Bellen werden. Es ist ein Laut größter Erregung. Vermutlich dient das Bellen der Ablenkung und der Warnung vor einem Feind. Auch aggressive Kämpfe im Rudel lösen bei Rudelmitgliedern, die sich nicht direkt am Kampf beteiligen, manchmal aufgeregtes Bellen aus.
Das Knurren untermalt das optische Zähneblecken und ist somit ein Dorhlaut. Ein Wolf protestiert gegen Belästigung durch allzu aufdringliche Welpen, ein Ranghoher gegen unerlaubtes Verhalten eines Rangniedrigen, dieser gegen Unterdrückungsversuche des Ranghöheren, fressende Wölfe gegen Annäherung anderer und so weiter. Bei geringer Intensität wird manchmal geknurrt, ohne daß die Zähne auch nur leicht gebleckt sind. In seltenen Fällen geht es auch umgekehrt: Die Zähne werden lautlos gebleckt. Bei zunehmender Intensität treten die beiden Informationsträger aber stets zusammen auf; je intensiver die Zähne gebleckt sind und das Maul geöffnet ist, desto lauter wird auch das Knurren. Bei zunehmender Abwehrtendenz mischen sich in das Drohen Laute hinein, die schließlich in Schreien übergehen können. Es sind helle, grelle Laute des Schreckens, des Schmerzes und der großen Angst. Ein Wolf, der "verprügelt" wird schreit laut, während er sich verteidigt oder wenn er versucht zu fliehen. Häufiger als bei erwachsenen Wölfen tritt das Schreien bei den Welpen auf, die in dem ersten, noch sehr rauhen Spiel miteinander oft schreien. Bei plötzlich auftretender Gefahr schreien die Welpen; es ist dann ein Schrecklaut. In diesem Fall reagieren die anderen Welpen mit jäher Flucht, und die adulten Wölfe richten ihre Aufmerksamkeit sofort auf die Welpen.
Das Heulen ist wohl der charakteristischste Laut des Wolfes. Eine Heulstrophe hält oft bis zu zwanzig Sekungen lang an; weitere Strophen können folgen, so daß das Heulen mehrere Minuten lang andauert. Manchmal heulen einzelne Wölfe sogar stundenlang. Dann sind die Pausen zwischen jeder Strophe in der Regel etwas länger. Das Heulen der Welpen und der Jungwölfe liegt im Ton etwas höher als das von erwachsenen Wölfen. Sie fangen im Rudel seltener selbst an zu heulen, reagieren aber auf das Heulen der Altwölfe sehr schnell.
Das Zähneklappern gehört zur Kategorie der nicht mit den
Stimmbändern produzierten Lauten. Ein in die Ecke getriebener und sich heftig
verteidigender Wolf schlägt beim Abwehrdrohen in einer Art Schnappbewegung in der Luft
die Zähne von Ober- und Unterkiefer hart aufeinander, wodurch ein dumpfer, oft mehrmals
wiederholter Laut entsteht. Er drückt größte Verteidigungsbereitschaft aus und dient
auf sehr markante Weise der Abschreckung vor weiteren Angriffen.
Ein weiteres Fremdgeräusch mit Signalwirkung, ist das harte Aufschlagen der vier Pfoten
beim Überfallgalopp.
Hierbei handelt es sich um eine gehemmt Attacke auf einen rangniedrigeren Wolf: Bei
vollständigem Ablauf fixiert der Angreifer zuerst von weitem sein Opfer. Dann schleicht
er sich langsam näher, und plötzlich prescht er los, wobei er in der letzten Phase
besonders hohe Sprünge macht. Dadurch entsteht beim fast gleichzeitigen festen Aufsetzen
aller vier Beine auf der Erde ein leicht dumpfes Geräusch. Wenn nicht schon früher, so
bemerkt das "Opfer" spätestens jetzt, was vor sich geht und rennt in der Regel
weg.
Der "böse Wolf"? Sie sind wieder da, die Wölfe. Im Osten Deutschland, vor allem in Brandenburg, tauchen immer häufiger versprengte Rudel auf. Sie stammen aus Polen und Rußland, wo die Bestände ständig steigen, schwimmen durch die Oder und durchstreifen die großen Wälder Brandenburgs.
Seit dem frühen Mittelalter figuriert der
Wolf als böses Tier und furchterregendes Ungeheuer, das ganze Schafe verschlingt, vor
allem aber kleine Mädchen frißt, nächtens durch die Wälder geistert und mit dem Teufel
im Bunde ist. Heute sind sich Historiker und Biologen einig: Wölfe machen einen großen
Bogen um Menschen, sind viel zu schlau, sich mit einem Zweibeiner anzulegen. Findet der
Wolf genügend Beute, läßt er übrigens auch Schafe und Kühe in Ruhe.
Wölfe sind perfekte Jäger und mit bemerkenswerten Fähigkeiten ausgestattet. Sie können
offenbar fast so gut sehen wie Menschen, wittern ihr Beute über mehrere Kilometer und
hören bei Windstille im freien Gelände jeden Schritt im Umkreis von 15 Kilometern. Und
sie sind überaus schlau und vorsichtig, also keineswegs blindwütige Angreifer. Sie
besitzen übrigens 30 Prozent mehr Hirn als der intelligenteste Haushund.
So haben Biologen entdeckt, daß Wolfsrudel ihre erspähte Beute genau unter die Lupe
nehmen und testen, bevor sie gestellt wird. Beutetiere in guter körperlicher Verfassung
werden nicht angegriffen, man krallt sich aus Gründen der Effizienz die schwächsten,
ältesten oder auch nur kranke Tiere. Das spart Kraft und bringt dasselbe Ergebnis.
Ein Wolfsrudel operiert arbeitsteilig. Die individuellen Fähigkeiten der verschiedenen
Rudel-Mitglieder werden bedarfsgerecht eingesetzt. Vorsichtige und scheue Wölfe sind für
die Gefahrenerkennung zuständig. Selbstbewußte und mutige Tiere stürmen voran, wenn
größere Beute geschlagen wird. Die Geduldigen im Rudel kümmern sich ums Kleinwild.
Für jedes Beutetier gibt es eine besondere Jagdtechnik. Wölfe wissen genau, wie sich die
verschiedenen Beutetiere zu verteidigen suchen. Darauf ist die Jagdtechnik abgestimmt.
Hunde werden an der Kehle gepackt; der Grund weswegen Hüte- und Herdenschutzhunde ein mit
spitzen Eisennägeln bewehrtes Halsband tragen, Pferde werden von vorne angegriffen, um
den Hufschlägen zu entgehen. Eine Kuh wird von hinten in das Euter gebissen. Ein Schwein
wird meist zu zweit angegriffen: Ein Wolf beißt sich am Ohr fest, ein anderer geht ihm an
die Kehle. Schafe werden auch am Hals gepackt. In der Regel wird im Rudel gejagt. Nur im
Verband können große Beutetiere überwältigt werden. Einzeltiere haben nur Jagderfolg
bei kleinen Tieren, wie Hasen oder Lämmer.
Das Wolfsrudel ist eine Funktionseinheit. Das Band, das sie zusammenhält, ist die
gegenseitige Sympathie und Achtung. Die Grundlage für das Zusammenleben im Rudel ist die
Fähigkeit, miteinander Kontakt aufzunehmen, die Kommunikation. Bei den Jagdmanövern von
Wölfen erkennt man deren hohe Auffassungsgabe und Intelligenz. Jeder Wolf entscheidet
anhand von angeborenen und erlernten Verhaltensmustern selbst, was in bestimmten
Jagdsituationen zu tun ist. In Sekundenschnelle schätzt er die Reaktion der Beute ein,
kalkuliert die Beschaffenheit des Geländes und die bereits von seinen Jagdgenossen
ausgeführten Manvöver. Diese Beobachtungen baut er in seine eigene Entscheidung mit ein,
die auch die Entscheidung des gesamten Rudels sein kann: eine Jagt entweder erfolgreich zu
beenden oder den Entschluss zum Abbruch zu treffen.
(Dr. Angelika Sigl, promov. Biologin)
Wölfe fressen so ziemlich alles, was ihnen in die Quere kommt: Mäuse verschmähen sie
ebensowenig wie einen ausgewachsenen Ochsen. In jedem Fall muß es Fleisch sin.
Vegetarische Kost verdaut der Wolfsmagen nicht.
Für das Überleben in freier Wildbahn ist der Wolf bestens gerüstet. Die Evolution hat
ihm eine Wetterkleidung verpaßt, die ihresgleichen sucht: Der Wolf friert nicht, er ist
gegen Schnee und Regen geschützt. Das Winterfell wird über sechs Zentimeter dick - ist
Schlafsack und Zudecke in einem. Der Wolf legt sich im Winter einfach in den Schnee - und
läßt sich einschneien.
Wußten Sie?
. daß
nicht einmal 10 Prozent der Jagdversuche des Wolfes von Erfolg gekrönt sind
. daß die Wolfsrasse Japans bereits völlig
ausgerottet ist. daß ein Wolf in der Lage ist,
einen Tropfen Blut in
einem Eimer Wasser zu schmecken
. daß zwischen den einzelnen Revieren der verschiedenen Rudel eine
breite Schneise ungenutzt bleibt.
In diesem Niemandsland kann sich das Beutewild ungestört
vermehren. Erst wenn Nahrungsmangel es
zwingt, in die Wolfsreviere überzuwechseln, wird das Wild
gerissen. In seine <Vorratskammer>, das Nie-
mandsland, dringen Wölfe nur im äußersten Notfall ein -
wenn der Hunger übermächtig wird.
. Hunde helfen Wölfen beim Beutemachen:
ein Hund, der zu einemWolfsrudel
"überläuft" oder einem zufällig in den nordischen Wäldern begegnet, wird
zunächst immer schmerzhaft gebissen. Zeigt der Hund seine
Wehrhaftigkeit und beißt zurück, wird er nicht, wie noch vor 30 oder 40 Jahren
totgebissen, sondern am Leben gelassen und als Mitglied des Rudels
angenommen. Zeigt der Hund allerdings Schwäche, wird er totgebissen und verspeist.
Skandinavische und russische Tierforscher stellten die Umstellung der Wildtiere in einem
umfangreichen
Forschungsprogramm fest. Es scheint sogar so, daß einige Wolfsrudel sich mit dem Anlocken
und Umerziehen
von Hunden befassen. In Sibirien wurde
beobachtet, wie zwei Wölfinnen durch intensives Liebeswerben zwei Jagdhunde anlockten.
Nach Monaten wurden die beiden Hunde wieder völlig verwildert als Mitglieder des Rudels
gesichtet. Nach Meinung der Forscher bildeten die Wölfe ihre gezähmten Enkel aufgrund
ihres früheren Umgangs mit dem Menschen regelrecht zu "Pfadfindern" zu
Tierstätten und Viehherden aus. Die Hunde wiederum bildeten die Wölfe im Beutemachen in
menschlichen Behausungen aus.
. daß er einen halben Tag an einem Stück mit einer
Geschwindigkeit von acht Stundenkilometern laufen kann.
Bei kurzen fünf- bis zehnminütigen Sprints erreicht er
sogar eine Geschwindigkeit von 65 Stundenkilometern.
Er verfolgt Rehe und Hirsche so lange, bis sie erschöpft
aufgeben, bebor er sie schließlich angreift.
. Die Vorstellung, daß Wölfe einander ein Leben lang treu
sind, entspricht nicht unbedingt der Wahrheit.
So macht z.B. der Tod eines dominanten Wolfes eine neue
Paarbildung unvermeidlich, und auch Kämpfe und
Verletzungen können eine neue Hierarchie hervorbringen, wenn
ein jüngeres Tier die dominante Rolle über-
nimmt. Normalerweise besteht zwar eine starke Bindung zwischen
dem Alphapaar, doch das heit nicht, daß
Wölfe grundsätzlich monogam sind.
. Der allgemein verbreitete Glaube, daß Wölfe den Mond anheulen, entspricht nicht der Wahrheit.
>>LASST DIE NATUR IN RUHE, SIE WIRD'S
SCHON RICHTEN<<
Als sich die Elche durch günstige Äsungsbedingungen und die Geburt von besonders
vorsichtigem und wehrhaftem Nachwuchs stark vermehrten, beobachtete Dave Mech
bei den Wölfen eine fast sensationelle Geburtenkontrolle. Die großen Rudel, in denen
sich immer nur der ranghöchste Rüde und die ranghöchste Wölfin paaren dürfen, teilten
sich. Dadurch konnte in jedem der kleinen Rudel eine Alphawölfin Welpen bekommen. Der
Wolfsbestand erhöhte sich und damit der Jagddruck auf die Elche. Erst als das
Gleichgewicht wiederhergestellt war, wurden die Wolfsrudel erneut größer und die
Geburtenrate sank.
Das Verhältnis zwischem dem Wolf und seiner Beute hat sich im Laufe der Evolution so gut aufeinander eingespielt, dass andere weiterexistieren können. Das ökologische Gleichgewicht stellt sich immer wieder ein. Gordon Haber, ein Biologe aus Alaska, vergleicht das Töten eines dominanten, ausgewachsenen Wolfes mit der Ermordung eines angesehenen Stammesältesten in einem menschlichen Clan. Beraubt man eine Gruppe der Quelle ihres Wissens (bei Wölfen ist es das Wissen um Höhlen, Wanderpfade, Jagdstrategien und das soziale Verhalten des Rudels ), bleiben die Überlebenden orientierungslos zurück!
Genetische Studie aus den USA belegt, was Zoologen
schon lange geahnt haben:
Alle Hunderassen stammen vom Wolf ab
Ob Windhund oder Königspudel, Mops oder Dalmatiner - so unterschiedlich diese Rassen auch aussehen, sie alle stammen vom Wolf ab. Die Ahnen heutiger Hunde sind demnach nicht aus der Vermischung wildlebender Verwandter entstanden, etwa der von Schakalen und Kojoten. Dieses hatte der berühmte Evolutionsforscher Charles Darwin im vergangenen Jahrhundert vermutet. Drei Viertel aller heutigen Hunderassen entspringen sogar einer einzigen Wolfslinie, berichtete das US-Wissenschaftsmagazin "Science". Außerdem sind sie die Abkömmlinge eines einzigen Zähmungsversuchs.
Ein Team von Genetikern und Evolutionsbiologen aus den USA und Schweden konnte nicht nur belegen, daß der Wolf der einzige Urahn des Hundes ist, sondern auch, daß der Mensch nach dem ersten Domestizierungsversuch noch mindestens einen weiteren unternommen hat, so Robert Wayne, Leiter der internationalen Arbeitsgruppe an der Universität von Kalifornien in Los Angeles.
Die Wissenschaftler sammelten und untersuchten das Erbgut (DNA) von 162 Wölfen aus 27 Regionen der Erde, aus Europa, Nordamerika und Asien. Diese DNA verglichen sie mit den genetischen Informationen von 140 Haushunden, die 67 Rassen angehören. Weil die wilden "Hundeartigen" der Gattung Canis miteinander kreuzbar sind und deshalb als potentielle Vorfahren des Haushundes in Frage kommen könnten, analysierten Wayne und seine Mitarbeiter auch das Erbgut von Kojoten und Schakalen.
"Diese Studie ist die genetische Bestätigung für das, was die meisten Zoologen vermutet haben", sagt David Mech, ein Wolfsexperte aus Minnesota, "nämlich, daß der Hund ein domestizierter Wolf ist".
Das Forscherteam untersuchte die DNA aus den Mitochondrien, den Energielieferanten der Zelle. Die Mitochondrien-DNA wird nur mütterlicherseits vererbt. Ein bestimmter Abschnitt dieser Gensequenzen, die sogenannte Kontrollregion, ist für seine relativ hohe Mutationsrate bekannt. Die Kontrollregion kann deshalb gewissermaßen als molekulare Uhr dienen, an der Wissenschaftler die Zeit ablesen, die zwei Arten von ihrem gemeinsamen Urahn trennt.
Diese "Mitochondrien-Uhr" eichten die Forscher auf die DNA-Unterschiede zwischen Wölfen und Kojoten, deren stammesgeschichtliche Wege sich vor einer Million Jahren getrennt haben. Das ist durch archäologische Funde belegt. Seit dieser Zeit haben sich etwa siebeneinhalb Prozent des mitochondrialen Erbguts von Kojoten und Wölfen verändert.
Die erste Zähmung eines Wolfs könnte den genetischen Indizien zufolge bereits vor 135 000 Jahren stattgefunden haben. Das wäre fast zehnmal früher als bislang angenommen. Denn aufgrund von Knochenfunden gilt die Zeit vor 14 000 Jahren als Fiffis Geburtsdatum, das den Beginn der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund markiert. Er ist wahrscheinlich das älteste aller Haustiere. Spanische Felsmalereien aus der Steinzeit, die Jahrtausende alt sind, zeigen den Hund bereits als Jagdhelfer des Menschen.
Lange vorher schon hatten die Vorfahren des Menschen und Wölfe denselben Lebensraum besiedelt. Altertumsforscher fanden Wolfsknochen nicht weit entfernt von rund 400 000 Jahre alten Gebeinen, die von Urmenschen stammten. Wayne und seine Kollegen stellen nun die Hypothese auf, daß die Hunde der Frühzeit beziehungsweise die gezähmten Wölfe sich lange Zeit im Körperbau nicht von den wilden Vorfahren unterschieden haben. Erst vor rund 15 000 Jahren, mit der Entwicklung des Menschen vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer und Viehzüchter, hätten sich die Zuchtkriterien für die vierbeinigen Begleiter geändert.
Vielleicht wählte der Mensch bewußt kleinere und weniger kräftige Exemplare zur Zucht. Das würde jedenfalls die damals zutage tretenden morphologischen Unterschiede zwischen Wolf und Hund erklären. Die Forscher vermuten außerdem, daß die Frühzeit-Hunde immer mal wieder "fremdgegangen" sind und sich mit ihren wilden Vorfahren gepaart haben. Dieser genetische Austausch könnte die Basis für die künstliche Selektion durch den Menschen geschaffen haben, die schließlich zu rund 300 Hunderassen geführt hat. Die treuen Gefährten, die auch in den alten Kulturen Chinas und Indiens, in Griechenland und im antiken Rom ihren Platz hatten, wurden je nach Bedarf und Zeitgeist über Jahrhunderte hinweg gezüchtet, bis sie doggenhaft monströs oder mopsartig zerknautscht aussahen.
Das Team der schwedisch-amerikanischen Wissenschaftler hat darüber hinaus versucht, die Erbinformationen der untersuchten Hunderassen den heute lebenden Wolfspopulationen zuzuordnen. Vergeblich. Die eigentlichen Vorfahren und ihre Herkunft bleiben, so Wayne, "ein Rätsel". Er vermutet, daß die urzeitliche Wolfsfamilie ausgestorben ist.
Der Unterschied zwischen Wolf und Hund
Es gibt über 400 Rassen von Haushunden. Alle haben eines gemeinsam, den Ahnen WOLF als Stammvater!
Jede Rasse ist infolge Selektion (Auswahl)
durch den Menschen entstanden. Der Wolf zeigt im Gegensatz zu den Hunden relativ wenig
Varianten. Im Gegensatz zu den sich äußerlich sehr stark vom Wolf unterscheidenden
Rassen wie Pinscher und Bulldogge ähneln Deutscher Schäferhund, Malamute, Husky und
Layka dem Wolf schon sehr. Es kann vorkommen, daß sich Wölfe mit diesen wolfsähnlichen
Rassen kreuzen. Deren Nachkommenschaft sind dann kaum von Wölfen zu unterscheiden.
Die typischen Unterscheidungsmerkmale werden in zwei Gruppen unterteilt:
Morphologische Unterschiede (Äußeres Erscheinungsbild): Im allgemeinen trägt der Wolf
die Rute waagrecht oder etwas gesenkt. Der Hund dagegen hält die Rute erhoben, oft auch
eingerollt.
Der Wolf hat eine Violdrüse, diese fehlt beim Hund.
Die Hinterpfoten setzt der Wolf auf die Spur der Vorderpfoten, der Hund seine Hinterpfoten
zwischen die Spur der Vorderpfoten.
Anatomische
Unterschiede Die Unterschiede zwischen Wolf und Hund liegen vor allem bei den
Schädelmerkmalen. Besonders auffällig ist die unterschiedliche Größe des
Augenhöhlenwinkels. Beim Wolf beträgt dieser Winkel 40 bis 45 Grad, bei Hunden 53 bis 60
Grad, beim Deutschen Schäferhund jedoch 50 Grad. Er ist dem Wolf am ähnlichsten. Ein
weiterer Unterschied besteht im Volumen der Gerhirnkapsel, die beim Wolf entschieden
größer ist. Die Größe des vorderen Teiles des Unterkiefers und die Anordnung der
Schneidezähne: Beim Wolf ist dieser Teil des Unterkiefers verhältnismäßig schmal,
seine Schneidezähne sind dicht zueinander angeordnet. Beim Hund ist der Unterkiefer
verhältnismäßig breiter, die Zähne sind in Abständen weiter zueinander angeordnet.
Vom Zehnkämpfer Wolf zum Facharbeiter Hund
Die Domestikation: Unter Domestikation versteht man die Eingliederung einer Tierart in den
Hausstand des Menschen. Mit der Haustierwerdung gehen verschiedene Änderungen im
Verkaltensrepertoire des Tieres einher, die sich im Vergleich zur Wildform, dem Wolf,
in einer Verhaltensdämpfung oder im Wegfall von Verhaltensweisen äußern, was das
enge Zusammenleben mit dem Menschen erst möglich macht. (Hemmer, 1983) Der Grad der
Domestikation reicht von Primitivrassen bis zu Hochzuchtrassen, wobei sich die
Primitivrassen (Dingo,
Basenji, nordische Schlittenhunde, etc.)
eine gewisse Unabhängigkeit vom Menschen bewahrt haben, während die Hochzuchtrassen in
wesentlich höherem Maße vom Menschen abhängig geworden sind. Erst das angeborene Fehlen
vieler beim Wildtier, also beim Wolf, festgelgter instinktiver Verhaltensweisen (z.B. die
Fluchttendenz) macht den Hund zu dem anpassungsfähigen Begleiter des Menschen und
unterscheidet ihn so wesentlich von seiner Wildform, dem Wolf (Feddersen-Petersen, 1986).
Mit dem partiellen Wegfall der Festlegungen auf vorhersagbare, instinktgesteuerte
Handlungsabläufe hat der Hund als Folge der Domestikation einen Freiraum gewonnen: Ein
Verhalten, das nicht genitisch fixiert ist, bietet ihm die Möglichkeit, es erst durch
einen Lernprozeß festzulegen und erlaubt ihm damit eine flexiblere Anpassung an eine sich
wandelnde Umwelt. Darüber hinaus ist den Haustieren die Tendenz zu einer
"Verjugendlichung" oder Fetalisation eigen (Zimen, 1988) Die Reifeprozesse
verschiedener Verhaltensweisen des Hundes unterscheiden sich in
Entwicklungsgeschwindigkeit und -endpunkt von denen der Wildform Wolf. Es gibt also Hunde,
die in Bezug auf bestimmte Verhaltensweisen nie ganz erwachsen werden. Der Grad einer
solchen Fetalisation ist gleichzeitig auch Maßstab für die Abhängigkeit des Hundes vom
Menschen. Ein Beispiel: Junge Wölfe jagen Krähen auf freiem Feld hinterher. Schon nach
einem fehlgeschlagenen Versuch geben sie, noch im Welpenalter, das Hinterherjagen ein für
allemal auf (Zimen, 1990)Der Energieaufwand wird nicht durch Beutefang belohnt, also
werden die Krähe aus dem Beuteschema gestrichen. Hunde mit einen hohen Fetalisationsgrad
laufen ihr ganzes Leben den Vögeln hiterher. Sie sind nicht etwa dümmer, ihnen macht das
Rennen einfach Spaß und sie brauchen sich um ihre Energiebilanz keine Gedanken machen,
weil sie sich voll und ganz in die Abhängigkeit des Menschen begeben haben.
Erstaunlich, was der Mensch aus dem Wolf gemacht hat: nützliche Haustiere mit tausend
Formen und Fähigkeiten. Und alle sind sie schon im "Urhund" Wolf angelegt!
Worauf Züchter besonders stolz sind: Viele Hundearten übertreffen heute den Wolf. Sie
bellen ausdrucksvoller. Manche jagen, ohne das Wild zu reißen oder gar zu fressen. Andere
laufen schneller.
Und Hirtenhunde bewachen sogar des Wolfes liebste Beute - das Schaf!
Aus einem "Zehnkämpfer", der viele Disziplinen beherrschte, wurden
"Spezialisten" - zum
Nutzen des Menschen.
In der Wildnis überleben könnten freilich nur noch die wenigsten Hunde.
Die noch heute weithin verbreitete Vorstellung vom Wolf als Bestie stammt aus dem 17. Jahrhundert. Zu dieser Zeit herrschte vielerorts eine Tollwut-Epidemie, und wie heute Füchse, waren damals hauptsächlich die Wölfe von der Krankheit befallen. Vielfach wurden Menschen auf den Feldern und in den Wäldern angegriffen. Einzelne Wölfe suchten auch die Dörfer auf, nachdem sie infolge des Tollwutbefalls ihre angeborene Scheu vor dem Menschen verloren hatten, und bissen auf ihre Opfer ein. Es kam zu dramatischen Vorfällen und zum unerbittlichen Haß gegen den Wolf.
USA: Wölfe wieder da
Die 1995 im Yellowstone Nationalpark und im US-Staat Idaho ausgesetzten kanadischen Wölfe
haben ihre neue Umgebung angenommen. Das beweisen mehrere Jungtiere in den fünf Rudeln.
Die Wölfe halten seither die Wildpopulation in der Balance und haben weniger Schafe
gerissen, als die Farmer der Region befürchtet hatten. Da die Tiere zusätzliche
Touristen anziehen, tragen sie auch zur Einkommenssteigerung der ländlichen Gebiete bei.
Wölfe waren vor der Umsiedlungsaktion in den USA - außer Alaska - vom Aussterben
bedroht. Wissenschaftler hoffen nun, den Wolf bald von der Liste der bedrohten Tierarten
streichen zu können.
tdt
in den Landessprachen nennt man ihn:
Sprache |
Übersetzung |
| Arabic (classical): | thirb |
| (colloquial): | dib |
| Basque: | otso |
| Chinese (Mandarin): | lang gou |
| Danish: | ulv |
| Farsi (Persian): | gorg |
| Finnish: | susi |
| hukka | |
| French: | |
| Male: | loup |
| Female: | louve |
| Cubs: | Single: louveteau |
| Gaelic (Irish) | cu |
| Wolf Cub: | connain |
| Hebrew: | ze'ev |
| Innuit (Eskimo): | Amarok |
| Italian: | |
| Male Wolf: | lupo |
| Female: | lupa |
| Japanese: | okami |
| Korean: | luec deh |
| i-ri | |
| Ordinary Wolf: | ssung-nyang-i |
| Timber Wolf: | mal-ssung-nyang-i |
| Lakota (Sioux): | skaska |
| shunkmanitu | |
| Old Norse: | vargr |
| Portuguese: | lobo |
| Russian: | vulk |
| Wolf Cub: | volchionek |
| Spanish: | lobo |
| Swedish: | varg |
| Welsh: | |
| Male Wolf: | blaidd |
| Female: | bleiddast |
Nordamerikanische Unterarten
von Canis lupus
| Name: | Wissenschaftlicher Name | Kurze Beschreibung (Lebensraum, Größe, Fellfarbe) |
| Kenai Peninsula Wolf | Canis lupus alces (Goldman, 1941) |
Ausgestorbene Wolfsart, die in Alaska lebte und sehr groß wurde. Die Artbestimmung und Feststellung der Größe wurde anhand von Schädelfunden vorgenommen. |
| Melville Island Wolf | Canis lupus arctos (Pocock, 1935) |
Diese Wolfsart lebt nur auf den arktischen Inseln von Melville Island bis Ellesmere Island. Weißer Wolf von mittlerer Körpergröße. |
| Mexikanischer Wolf | Canis lupus baileyi (Nelson & Goldman, 1929) |
Der kleinste Nordamerikanische Wolf. Lebensraum ist die Sierra Madre und die umgebende Region von West-Mexiko. Streifte einst auch durch Arizona und Neu-Mexiko. |
| Neufundland Wolf | Canis lupus beothucus (Allen & Barbour, 1937) |
Ausgestorbene Wolfsart von durchschnittlicher Körpergröße. Weisses Fell. |
| Banks Island Tundra Wolf | Canis lupus bernardi (Anderson,1943) |
Diese Wolfsart lebt auf Banks Island in den nordwestlichen Territorien. Großer Wolf mit meisst weissem Fell, das auf dem Rücken schwarze Spitzen hat. |
| Britisch Columbian Wolf | Canis lupus columbianus (Goldman, 1941) |
Eine der größten Wolfsarten die bis zu 65 Kilo schwer werden kann. Lebensraum ist Britisch-Columbien in Kanada. Fell ist entweder grau oder schwarz. |
| Vancouver Island Wolf | Canis lupus crassodon (Hall, 1932) |
Wolf von mittlerer Körpergröße mit grau-schwarzem Fell. |
| Cascade Mountains Wolf | Canis lupus fuscus (Richarson, 1839) |
War einst wegen seines Zimtfarbenen Fells als der "braune Wolf" bekannt. Gewicht ca. 40-50 Kilo. Durchschnittliche Körpergröße. Es ist nicht bekannt, ob heute noch Wölfe dieser Art leben. |
| Hudson Bay Wolf | Canis lupus hudsonicus (Goldman, 1941) |
Wolfsart -oft auch Tundrawolf genannt- mit hellem Fell und durchschnittlicher Körpergröße. Das Winterfell ist fast weiss. Lebensraum sind die Gebiete westlich und nördlich der Hudson Bay, wo sie den südlich ziehenden Karibuherden folgen. |
| Kein Name | Canis lupus griseoalbus (Baird, 1858) |
Es wird vermutet, daß diese Wolfsart in Zentral-Manitoba und im nördlichem Saskatchewan lebt. Seine Existenz wurde allerdings bisher nicht nachgewiesen. Der Streit, ob es sich hier wirklich um eine eigene Untertart handelt, dauert an. |
| Northern Rocky Mountain Wolf | Canis lupus irremotus (Goldman, 1937) |
Wolfsart von durchschnittlicher bis überdurchschnittlicher Körpergröße mit hellem Fell. Der Lebensraum erstreckt sich von den nördlichen Rocky Mountains bis nach Southern-Alberta in Kanada. In den USA gilt er als ausgestorben. Neuste Meldungen berichten aber von ein paar Sichtungen dieser Art im Glacier Nationalpark. In der Tat sollen auch in Montana Wölfe dieser Unterart leben. |
| Labrador Wolf | Canis lupus labradorius (Goldman, 1937) |
Wolfsart, dessen Fellfarbe von dunkelgrau bis fast weiss reicht. Durchschnittliche Körpergröße. Lebensraum ist Northern Quebec und Labrador. |
| Alexander Archipelago Wolf | Canis lupus ligoni (Goldman, 1937) |
Diese Wolfsart ist kleiner als die meissten Nordamerikanischen Wolfsarten. Kurzes Haar von dunkler Farbe. Fast schwarze Tiere mit grauem Unterfell sind normal. |
| Eastern Timber Wolf | Canis lupus lycaon (Schreber, 1775) |
Die am weitesten verbreitete Unterart. Ihr Lebensraum umfasst die östlichen USA, incl. Florida bis West-Minnesota. Fell varriert in jeder nur vorstellbaren Farbe. |
| Mackenzie Tundra Wolf | Canis lupus mackenzii (Anderson 1943) |
Wolf von mittlerer Körpergröße. Die Fellfarbe reicht von Schwarz bis Weiss. Lebensraum ist die arktische Küste ind den nordwestlichen Territorien östlich des Mackenzie-River und südlich des Great Bear Lake. |
| Baffin Island Tundra Wolf | Canis lupus manningi (Anderson 1943) |
Der kleinste der Artkischen Wölfe. Lebensraum ist Baffin Island. |
| Mogollon Mountain Wolf | Canis lupus mogollonensis (Goldman, 1937) |
Ausgestorbene Wolfsart. Lebensraum war Zentral-Arizona und Neu-Mexiko. Die Fellfarbe war normalerweise dunkel mit ein wenig weiss. |
| Texas Grey Wolf | Canis lupus monstrabilis (Goldman, 1937) |
Ausgestorbene Wolfsart. Lebensraum war Texas und das nordöstliche Mexiko. Kleine Körpergröße mit normalerweise dunklem Fell. Einige weisse Tiere sind auch bekannt gewesen. |
| Great Plains Wolf oder Buffalo Wolf | Canis lupus nubilus (Say, 1823) |
Gilt als ausgestorben. Streifte einst durch Süd-Manitoba und Saskatchewan, Kanada, bis Nord-Texas. Mittlere Größe mit verschiedenfarbigen Fell. |
| Mackenzie Valley Wolf | Canis lupus occidentalis (Richardson, 1829) |
Diese Wolfsart lebt im oberen Mackenzie River Valley und weiter im Süden bis nach Alberta. Eine der größten Wolfsarten Nordamerikas. Die Fellfarbe kann von fast Schwarz bis zu einem reinem Weiss variieren. |
| Greenland Wolf | Canis lupus orion (Pocock, 1935) |
Möglicherweise Ausgestorben. Beweise, daß diese Art nicht mehr existiert, liegen jedoch nicht vor. Viele Wissenschaftler vermuten, daß dieser Wolf eine Unterart von Canis lupus arctos ist. |
| Interior Alaskan Wolf | Canis lupus pambisileus (Elliot, 1905) |
Eine der größten Wolfsarten Nordamerikas. Lebensraum ist das innere Alaskas mit Ausnahme der Tundraregionen und der arktischen Küsten. |
| Alaska Tundra Wolf | Canis lupus tundrarum (Miller, 1937) |
Großer Wolf mit langem, hellen Fell. Lebensraum sind die Tundragebiete von Alaskas arktischer Küste. |
| Southern Rocky Mountain Wolf | Canis lupus youngi (Goldman 1937) |
Ausgestorben. Lebensraum war die Rocky Mountains-Region von Nevada, Utah und Colorado. Durchschnittliche Körpergröße mit hellem Fell. |
Eurasische Unterarten von Canis lupus
| Name: | Wissenschaftlicher Name | Kurze Beschreibung (Lebensraum, Größe, Fellfarbe) |
| Tundra Wolf | Canis lupus albus (Kerr, 1792) |
Dieser Wolf lebt in der eurasischen Tundra und Wald-Tundra von Finnland bis nach Kamtschatka. Großer Wolf mit langem, hellen Fell, ähnlich wi sein Amerikanisches Gegenstück Canis lupus tundrarum |
| Kein Name | Canis lupus arabs (Pocock, 1934) |
Wolf von kleiner Statur mit einem kurzen, dünnen Fell. Lebensraum ist Südarabien. |
| Steppen Wolf | Canis lupus campestris (Dwigubski, 1804) |
Der Steppenwolf ist ein kleiner Wolf, der in den Wüsten und Steppen Zentralasiens lebt. Er hat ein grobes, kurzes Fell von stumpfgrauer Farbe mit leichtem Okereinschlag. |
| Kein Name | Canis lupus hattai (Kishida, 1931) |
Dieser Wolf lebte einst in der Gegend von Hokkaido in Japan. Vermutlich ist diese Art ausgestorben. |
| Kein Name | Canis lupus hodophilax (Temminck, 1839) |
Ausgestorben. Diese Wolfsart lebte in Hondo, Japan. |
| Tibetanischer Wolf | Canis lupus laniger (Hodgson, 1847) |
Wolf von mittlerer Körpergröße mit langem Fell. Lebensraum ist Zentralchina, die Manschurai, die Mongolei, Tibet und das südwestliche Russland. |
| Gemeiner Wolf | Canis lupus lupus (Linnaeus, 1758) |
Wolfsart die ehemals in ganz Europa und in den Wäldern Russlands lebte. Mittelgroßer Wolf mit rauhem, dunklem Fell. |
| Kein Name | Canis lupus pallipes (Sykes, 1831) |
Der Lebensraum dieser Wolfsart ist der Iran, Indien und die Länder dazwischen. |
Andere Unterarten von Canis lupus
| Name: | Wissenschaftlicher Name: | Kurze Beschreibung (Lebensraum, Größe, Fellfarbe) |
| Hund | Canis lupus familiaris (1993) |
Die wohl bekannteste Wolfsart: Unser Haushund. Im Laufe der letzten 10000 bis 15000 Jahre in einem unglaublichen Variantenreichtum vom Menschen domestiziert, aber nachweislich ein Nachfahre des Grauwolfs (Canis lupus). |
| Dingo | Canis lupus familiaris dingo (Unbekannt) |
Der Australische Dingo ist ein wieder verwilderter Haushund der australischen Ureinwohner (Aborigines). |
Wölfe können von den selben Krankheiten und Parasiten befallen
werden wie Hunde. Wenn ein Wolf aber durch Hunger oder Wunden, die ihm ein Beutetier
zugefügt hat, geschwächt ist, können ihm Würmer, Läuse oder andere Krankheiten leicht
den Rest geben. Besonders schlimme Folgen für den Wolf haben Krankheiten, die in
neuester Zeit aufgetreten sind.
Der Parvovirus wurde erstmals etwa 1977 bei Hunden festgestellt. Er breitete sich schnell
auch in der Wolfspopulation aus. "Parvo" ist tödlich für Hunde- und
Wolfswelpen.
Die Lymesche Krankheit, eine Krankheit des Menschen, die von bestimmten Zecken übertragen
wird, infiziert auch Hunde und Wölfe, die Folgen sind unter Umständen verheerend.
Der Herzwurm ist eine Krankheit, die wahrscheinlich von Hunden , die an Feldforschungen
teilnahmen, auf den Wolf übertragen wurden. Hunde und Wölfe sind die Wirtstiere des
Wurms, der winzige Mikrofilarien (fadenartiger Wurm) ins Blut entläßt. Moskitos
übertragen sie von infizierten Tieren auf gesunde, die Würmer nisten sich dann im Herzen
oder größeren Blutgefäßen ein, wo sie heranwachsen. Mehrere erwachsene Exemplare
können den Blutstrom zu den Lungen einschränken und so die Fähigkeit des Wolfs, große
Entfernungen mit hoher Geschwindigkeit zurückzulegen, untergraben. Je älter dann der
Wolf wird, desto größer die Menge der Parasiten und desto geringer seine Ausdauer.
Wandern und jagen wird immer schwieriger.
Werner Freund:
STADT DER WÖLFE
Im Jahr 1972 wurde ein Fallschirmjäger-Bataillon nach Merzig (Saarland) verlegt.
Beim Einzug in die Stadt marschierte die russische Braunbärin Kalinka mit mir an der
Truppenspitze.
Wer hätte damals gedacht, daß Merzig einmal die "Stadt der Wölfe" werden
würde!
(Werner Freund in seinem Buch "Werner Freund - Der Wolfsmensch)
Die Natur kennt keine Bestien; sie werden von Menschen gezüchtet
Immer wieder sagen Leute über einen bissigen Hund,
er sei "so scharf wie ein Wolf".
Doch WOLF IST WOLF UND HUND IST HUND! Durch jahrtausendelange Züchtung sind verschiedene
Hunderassen zum Gebrauchtsobjekt oder zur Waffe für Ihre Besitzer geworden. Der Wolf
hingegen ist ein Wildtier geblieben, und sein Naturell widersetzt sich der Macht des
Menschen, der versucht, alles im Tierreich zu beherrschen und auszubeuten. In diesem Sinne
wird der Wolf in unserer auf Profitstreben ausgerichteten Gesellschaft als nutzloses oder
gar schädliches Geschöpf angesehen.
Enttäuschend verlief früher wie noch heute für gewisse Hundezüchter die Einkreuzung
eines Wolfs oder einer Wölfin in eine bestimmte Hunderasse. Sie hatten erwartet, daß die
"Schärfe" des Wolfs bei den Kreuzungswelpen weiterwirkt. Doch das Gegenteil war
der Fall. Denn es zeigte sich, daß die Menschenscheu des Wolfs genetisch tief verwurzelt
ist und als dominierende Eigenschaft vererbt wird. Mit diesen scheuen Tieren, die sich dem
menschlichen Unterwerfungswillen widersetzten und unter Zwang zu Angstbeißern wurden, war
nichts anzufangen. Sie ließen sich partout nicht darauf dressieren, andere Menschen
anzugreifen, waren somit für die Züchter nicht als Gebrauchshunde zu verwenden und
galten damit als minderwertig.
(Quelle: Werner Freund - Der Wolfsmensch)
Bericht über Werner Freund und seine
Wolfsrudel.
Aus DIE WELT Nr. 100-18
Die Wölfe kehren zurück nach Deutschland - Werner Freund will den Menschen die Angst vor dem Urahnen der Hunde nehmen.
Von HANS-WERNER LOOSE
Merzig - Canis lupus kehrt zurück. Wölfe streben aus Polen nach Brandenburg, wo 1823 das
letzte Tier erlegt wurde. Sie fallen von Italien ins schweizerische Wallis ein; sie heulen
im Tessin und in Graubünden - zur Freude der Naturschützer, zum Ärger der Schäfer. Im
Saarland ist der unzähmbare Urahn aller Pinscher und Pudel, Doggen und Dobermänner
längst heimisch: auf vier Hektar im Merziger Kammerforst.
Werner Freund (65) lebt mit Rudeln, die als Synonym
für Wildnis gelten und als Gegenpol zur überregulierten Zivilisation. Er hat sich ihren
Gesetzen unterworfen, fühlt sich als "Wolf unter Wölfen" und verspottet Hunde
als "entartete Supermarkt-Raubtiere". Nachts träumt der drahtige, bärtige Mann
davon, selbst ein Wolf zu sein. Nachdem er im oberhessischen Garbenteich als
Sechsjähriger seine Welpe Flora aufgezogen und sie zum Schafehüten abgerichtet hatte,
wollte Werner Freund Förster werden. Doch er wurde Gärtner und pflegte den Garten der
Stuttgarter Wilhelma. Er half einem Löwenbaby auf die Welt, fing einen entlaufenen
Rehbock ein und rettete eine Elefantenkuh vor dem Feuer. Die beiden Wölfe in einem
kleinen Gehege faszinierten den Jungen am stärksten - aber sein Weg zum Wolf führte
über den Bären.
Freund ging 1934 zum Grenzschutz, wechselte zwei Jahre später zur Bundeswehr umd bildete
in den Pfälzer Wäldern Einzelkämpfer aus. Der Kommandeur des
Fallschirmjäger-Bataillons 262 befahl seinen Feldwebel zu sich, "um ein angemessenes
Maskottchen aufzutreiben". Der Zugführer gehorchte; er erstand bei einem
Tierhändler für 400 Mark eine russische Braunbärin, mit der er lieber im Wald als in
der Kaserne übernachtete und deren schwere Hiebe auf die Helme der Rekruten "wie ein
Ritterschlag waren".
Nach seinem "Bärendienst" fürs Vaterland las der Stabsfeldwebel a. D. beim
Frühstück mit seiner Frau Erika in einer Zeitung für Geflügelzüchter ein Inserat:
"Drei junge Wölfe abzugeben." Er fuhr mit einem Scheck über 400 Mark vom
Ersparten zu einer Zoohandlung nahe Darmstadt und kaufte den ersten der Welpen, die sein
Leben veränderten: "Wenn ich damals gewußt hätte, was ich heute weiß, hätte ich
den ganzen Wurf nehmen müssen."
Hinter seinem Blockhaus am Rand des Merziger Mischwalds geht Werner Freund durch eine
Sicherheitsschleuse zu drei weißen Polarwölfen, als seien es Meerschweinchen. Zu seinen
Füßen entblößen zwei riesige, 50 Kilogramm schwere Rüden die Fangzähne und knurren,
Kehle an Kehle. Eine Wölfin reckt den Kopf in den Regen und heult. "Ich bin kein
Leitwolf", ruft der Wolfsmensch durch den Zaun des Geheges, "ich bin nur ein
Kumpan des Alphawolfs; mit ihm muß ich klarkommen."
Alphatiere führen die geschätzten 300 000 Wölfe auf der nördlichen Erdhalbkugel. Der
Leitwolf ist der unumschränkte Herrscher; nur er darf sich fortpflanzen; er trifft in
freier Wildbahn alle Entscheidungen Aufbruch der Kämpfer zur Jagd, Betreuung des
Nachwuchses durch die Ammen, Beginn der Wanderung. Freund nennt ein Projekt in den
rumänischen Karpaten "beispielhaft": Für 850 000 Mark, mit Zuschüssen von der
Stiftung Euronatur und von der Weltbank, leben 3000 Tiere in einer Gegend, die einst
Transsylvanien hieß und als Heimat des Grafen Dracula verrufen war.
Sein "Wolfpark" für den er den Saarländischen Verdienstorden erhalten hat, sei
"leider nur ein "Miniaturreservat" mit 25 Tieren - indische und
europäische Grauwölfe, weiße Arktiswölfe, kanadische Timberwölfe. Werner Freund geht
in die abgeschotteten Gehege mit sechs Rudeln, die für jeden Außenseiter der wölfischen
Gemeinschaft tödlich wären. Indes: Vor jedem Besuch muß er einen anderen seiner sechs
Bundeswehr-Overalls anziehen, weil der Geruch rivalisierende Rudel zum Angriff reizen
würde: "In den Großfamilien hat jeder seinen Platz, für jeden ist gesorgt - aber
Eindringlinge werden nicht geduldet."
Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz lobte den Wolfsforscher; Heinz Sielmann stellt ihn in
eine Reihe mit Heinz Meynhardt. der mit Wildschweinen auf Trüffelsuche ging. "Der
Mensch hat den Hund domestiziert", doziert der Autodidakt Freund, "ich habe mich
von den Wölfen domestizieren lassen und bin ein Teil ihrer Lebensgemeinschaft."
Manchmal sei er "erstaunt, wie sehr ich schon zum Wolf geworden bin"
Für jährlich 100 000 Besucher von Jever bis Japan ist Freund der furchtlose Mann, der in
Merzig mit dem Wolf tanzt, rauft und schläft. Aber er hat auch andere Gäste, schlimmere
als jene, die keine Münzen als Spenden in die Parkuhren stecken, um zum Fleisch aus der
Kühltruhe - zwei Kilo pro Tier und Tag - beizutragen. Wie das Paar mit dem Pitbull: Vor
dem Maschendraht, der ein Rudel Timberwölfe vom Waldweg trennt, läßt der Mann seinen
Kampfhund von der Leine. Der Alphawolf springt knurrend gegen den Zaun; der Pitbull schaut
ihm ins bernsteinfarbene Auge und sucht winselnd Schutz bei seinem enttäuschten Herrn.
"Es gibt schon komische Leute", sagt Freund und erzählt von einem, der ihm
seinen Schäferhund als Futter angeboten hat: "Das arme Tier hatte die
Schutzhundeprüfung nicht bestanden."
Werner Freund freut sich auf die Rückkehr der Wölfe. Sie würden "höchstens mal
ein Schaf reißen", meint er und nennt die jüngsten Jagdszenen aus der Eifel
"ganz überflüssig": Vier von fünf Wölfen, die aus einem Gehege entkommen
waren, wurden inzwischen abgeschossen - "dabei wären sie bestimmt freiwillig
zurückgekehrt,wenn man sie nur gelassen hätte". Dem Menschen, ihrem einzigen Feind,
würden Wölfe nie gefährlich werden: "Schließlich ist die Geschichte vom
Rotkäppchen, dessen Großmutter vom bösen Wolf gefressen wurde, nichts als ein böses
Märchen."